An der Grenze zum Kriegsgebiet

Mein Taxifahrer steht eine halbe Stunde zu früh vor meiner Haustüre. Ich habe in diesen drei Monaten nie erlebt, dass jemand zu früh kam. Pünktlichkeit ist keine Stärke im Mittleren Osten. Müde blicke ich auf die Uhr. Es ist kurz nach Mitternacht. Die Fahrt zum Flughafen sollte eine Stunde dauern. Das Auto schlängelt sich die schlechten Passstrassen entlang. Mein Blick schweift aus dem Fenster und ich sehe die vielen Lichter im Tal vor mir. Ein letztes Mal blicke ich auf die Grenze und denke an all das, was ich hier erlebt habe. Die Näherinnenschule, in der ich mitgearbeitet hatte. Die jungen Frauen, die teils mit 14 verheiratet wurden und ein Jahr später ihr erstes Kind bekamen. Und ich denke an die Verzweiflung in ihren Augen, wenn sie mir von ihren zerstörten Häusern, toten Familienmitgliedern und ihrer traumatischen Flucht berichteten. Ich denke an die verbrachten Stunden, wenn ich für sie betete und ihnen Kleidung und Milch für ihre Kinder mitbrachte.

Jetzt ist es endgültig. Ich fahre nach Hause. Plötzlich stoppt der Taxifahrer. Wir stehen in einer langen Fahrzeug-Schlange, am Ende steht ein bewaffneter Soldat. Direkt an der Grenze zu einem Kriegsgebiet zu wohnen ist nicht immer risikofrei. Ich bin eher ängstlich, was das Wunder, das Gott in mir vollbracht hat, noch viel beeindruckender macht. Gott hat mich in dieser Zeit immer wieder durchgetragen. Die furchtbaren Geschichten der Menschen zu hören, durch die Zeltdörfer zu gehen und dabei Kinder auf den Feldern beim Arbeiten zu beobachten, hat mich oft unglaublich hoffnungslos gemacht. Aber jedes Mal hat mich Gott mit neuer Hoffnung und Liebe für diese Menschen erfüllt.

Zu spät erreichen wir den Flughafen. 10 min vor Abflug, stehe ich immer noch in der Schlange bei der Passkontrolle und muss den Sicherheitscheck noch hinter mich bringen. Mir ist klar, dass ich die Maschine verpassen werde, wenn ich nicht was unternehme. Mit viel Mut spreche ich einen Soldaten an, der mich zum Durchgang für Botschafter schickt. Nach kurzer Zeit bin ich durch die Kontrolle und beim Sicherheitscheck. Die Zeit ist um. Mein Flugzeug wird genau jetzt abheben. Panisch renne ich zum Gate – doch tatsächlich, es ist noch offen! Gott hat meine Gebete erhört.

Erleichtert und todmüde sinke ich in meinen Sitz. Meine Gedanken kreisen immer noch um meine Erlebnisse. Was habe ich bewirkt? Mit meinem bisschen Arabisch konnte ich kaum mit den Leuten sprechen, die paar verteilten Decken, das bisschen Englischunterricht und das Mithelfen im Kinderheim, nichts davon veränderte viel. Doch dann fällt mir die Abschiedskarte einer jungen Flüchtlingsfrau wieder ein. Sie schrieb meinen Namen in Arabisch und darunter: «Danke, dass du neue Hoffnung in mir geweckt hast!» Dieser Satz war alle Mühe wert. Vielleicht habe ich nicht viel verändert, aber ich habe mich verändert. Meine Sicht auf Flüchtlinge hat sich verändert und das werde ich in die Schweiz tragen. Meine Sicht auf Mission hat sich verändert und das werde ich vielleicht eines Tages als Langzeitmissionarin in diese Welt hinaustragen. Diese Erkenntnisse sind alle Mühe wert.