Indien – Interview mit Anja

Anja, kannst du uns kurz etwas zu deiner Person sagen ?

Ich bin 23 Jahre alt und wohne mit zwei Kolleginnen in einer WG in Emmenbrücke –  aufgewachsen bin ich in einem Dorf im Thurgau, zusammen mit meinen drei Geschwistern und meinen Eltern. Ich befinde mich zurzeit in der Ausbildung zur Sozialpädagogin an der hsl Luzern. Vor drei Jahren machte ich einen On Track Einsatz mit Interserve und reiste für 5 Monate nach Kedgaon, ein kleines Dort im Westen von Indien, um der Pandita Ramabai Mukti Mission mitzuarbeiten. Letzten Sommer nutzte ich die Gelegenheit und verbrachte nochmals zwei Monate in der Mukti Mission und bei meinen indischen Freunden.

Wann hast du zum ersten Mal etwas über einen Missionseinsatz gehört ?

Während der Oberstufenzeit habe ich im „Pur“ oder im „Teensmag“ über Missioneinsätze gelesen. Mich beeindruckte, was die Menschen während ihrer Einsätze mit Gott erlebten.

Wieso hast du dich entschieden einen Missionseinsatz  mit Interserve zu machen ?

Dies war zuerst eher ein „Zufall“ – für mich Gottes geniale Führung. Nach einem Gespräch über das Netzwerk, „servants“ mit einer Frau aus meiner Gemeinde, googelte ich später danach, und da ich mich wohl nicht mehr richtig an den Namen erinnerte, stieß ich dann irgendwie auf Interserve. „On Track“ war für mich die Möglichkeit ohne Berufserfahrung während eines Kurzeinsatzes interkulturelle Mission zu erleben. Ich fand es zudem schön und wichtig, dass Interserve mit lokalen Partnern zusammenarbeitet und die Menschen sorgfältig vorbereitet und sie innerhalb der lokalen Strukturen einsetzt.

Was hast du währen deinem Einsatz genau gemacht ?

Morgens, nach der Morgenandacht mit allen Mitarbeitern durfte ich jeweils im Kindergarten mithelfen, dies ist aber nicht so wie ein Schweizer Kindergarten, in dem die Kinder spielen können, sondern es ist fast schon wie Schule – aber mit ca. 50 Kindern in einem kleinen Raum. Den Nachmittag verbrachte ich bei der „Daisy-Family“. Dort sind die werdenden Mütter zu Hause, die Babys wickeln, „schöppelen“ und mit ihnen kuscheln, mit den schwangeren Frauen Zeit verbringen, und reden, die kleinen Kinder zum Lachen bringen und mit ihnen spielen. Abends verbrachte ich dann nochmals Zeit bei einer anderen „Family“ mit Teenagern und half ihnen bei den Hausaufgaben. Ich lebte genauso wie alle anderen dort – wusch meine Wäsche von Hand, ging auf den Markt einkaufen un am Sonntag in den Gottesdienst.

Wo bist du während dem Einsatz persönlich an deine Grenzen gestoßen ?

Fast alle der Mädchen und Frauen, die in der Mukti Mission wohnen, waren einmal Opfer von verschiedenster Gewalt. Besonders das, was kleinsten Kinder schon erlebt hatten, bevor sie in die Mukti Mission kamen, erfüllte mich mit großem Unverständnis und machte mich traurig und zornig. In Indien empfand ich vieles als ungerecht: Die Unterdrückung und Ausnützung von Minderheiten, insbesondere von Mädchen und Frauen. Viele Dinge laufen in Indien komplett anders als in der Schweiz.  Ich musste lernen dies zu akzeptieren und mein Unverständnis auszuhalten.

Was hat dich währen deinem Einsatz nachhaltig geprägt und wie hat dich der Einsatz persönlich verändert ?

Ich glaube am meisten haben mich die Mensche geprägt, die während dem Einsatz meine Freunde wurden und es bis heute sind. Sie nahmen mich als ihre Schwester, Tochter oder Enkelin auf und gaben mir so viel Liebe und einfach ein Gefühl vo Familie oder „zu Hause“ in einer völlig anderen Kultur. Prägend war für mich auch die Begegnung mit einem kleinen eingeschüchterten Mädchen – ich durfte erleben wie positiv sich ein Mensch innerhalb einiger Monate entwickeln kann, wenn man ihm das Gefühl gibt, geliebt, gewollt und wichtig zu sein. Ich werde das Mädchen nie vergessen. Der Einsatz hat mich selbstbewusster gemacht und mir beruflich gezeigt, in welche Richtung es gehen soll.

Was hast du persönlich gelernt währen deinem Einsatz ?

Ich habe gelernt, mein Leben Gott wirklich voll und ganz anzuvertrauen. Während meinem Einsatz hatte ich Malaria und war ziemlich geschwächt. Zum allerersten Mal in meinem Leben musste ich ins Spital und war umgeben von fremden Menschen, weit weg von meiner Familie. Ich wusste nicht wie es weitergehen sollte. Da übergab ich mich selber Gott. Er sorgte für mich und gab mir Gelassenheit und die Gewissheit, dass alles wieder gut kommt.

Was möchtest du den Lesern noch sagen ?

„Apana deva – apana savakahi ahe!“ Das ist Marathi und  heißt „WENN DU GOTT HAST, HAST DU ALLES!„. Diesen Satz hat mir eine alte Frau, die in der Mukti Mission wohnt, immer wieder gesagt. Sie kam als Baby in die Mukti Mission und blieb all die Jahre und arbeitet bis jetzt in verschiedenen  Bereichen mit. Von außen betrachtet ist ihr Leben im Vergleich zu meinem vielleicht bescheiden. Doch ich habe riesigen Respekt vor ihr, denn diese Frau hat einen tiefen Frieden und eine Zufriedenheit in sich, die von Gott kommt. Sie ist mir in vielem ein Vorbild.