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Nepal – Ein „Smart Grid“ für das Dorf Mohari

Wozu soll eine Zukunftstechnologie, die noch nicht einmal in der Schweiz etabliert ist, in einem Dorf in einem der ärmsten Distrikte Nepals in Betrieb genommen werden? An einem Ort, wo bisher noch nicht einmal ein Stromnetz existierte? Für Menschen, die sich unter dem Begriff «Smart Grid» kaum etwas vorstellen können? Etwa zwei Jahre ist es her, seit ich (Rolf) Alex durch meine Mitarbeit im Vorstand von Interserve Schweiz kennenlernen durfte. Diese Begegnung und die Auseinandersetzung mit der Arbeitsweise von Rural Integrated Development Services – Switzerland (RIDS) haben mich dazu inspiriert, Alex nach Nepal zu begleiten, um einmal vor Ort Einblick in ein Projekt zu erhalten und

wenn möglich auch eine Zeitlang direkt selber mitzuarbeiten. Zusammen mit meinem guten Freund Ernesto machte ich mich Ende Oktober 2018 auf eine gut 4 Wochen dauernde Reise, die für uns beide zu einer unvergesslichen Zeitreise wurde. Zum ersten Mal in Asien, zum ersten Mal in einem Entwicklungsland, zum ersten Mal in Nepal und natürlich zum ersten Mal in Mohari, im Distrikt Jumla im Westen des Landes.

Zu Beginn verbrachten wir einige Tage in Pokhara und auf einer Trekking-Tour zum Aussichtsberg Poon Hill im Annapurna- Gebiet, eine der touristischen Hauptattraktionen dieser Gegend. Weiter ging es nach Tansen, wo wir M. besuchten und ihre Arbeit an der Laboranten-Schule des United Mission Hospital kennenlernen durften (s. Newsletter 09/2018). Tief beeindruckt setzten wir ein paar Tage später unsere Reise Richtung Jumla fort, auf Anraten von Alex per Taxi, Bus und Geländewagen statt mit dem Flugzeug. So erhielten wir lebhafte Eindrücke davon, wie in Nepal gereist wird, wie abgelegen Mohari tatsächlich ist, wie reizvoll die Landschaften sind und wieviel Adrenalin der Körper auf der «Strasse» zwischen Nepalgunj und Jumla Bazar ausschüttet. Nach einigen weiteren «adrenalinhaltigen» Stunden im Jeep und zu Fuss erreichten wir dann Mohari. 3200 Meter über Meer und gefühlte fünfhundert Jahre in der Vergangenheit.

Das lokale RIDS-Team arbeitet schon seit etlichen Jahren erfolgreich mit den Bewohnern von Mohari zusammen. Das aktuelle Projekt ist jedoch speziell und bisher einzigartig: Ein modulares Pico-Wasserkraftwerk mit einer Leistung von 6 kW, elektrische Erschliessung aller 42 Haushalte des Dorfes mit 230 Volt Wechselspannung, Einsatz von intelligenten Stromzählern (Smart Meters), um elektrische Energie in einem Vorauszahlungssystem zu liefern, sowie eine intelligente Nutzung des Energieüberschusses. Ein Pilotprojekt mit relativ hoher Komplexität, das für die Dorfbevölkerung eine wesentliche Verbesserung der Lebensqualität darstellt und langfristige lokale Wertschöpfung ermöglicht.

Ziel der aktuellen Etappe bis Ende November 2018 war es, dass alle am Projekt partizipierenden Haushalte mit elektrischem LED-Licht und einer Steckdose ausgestattet sind. Ein sportliches Ziel, das es für schweizerische Begriffe unter erschwerten Umständen zu erreichen galt. Was dabei enorm beeindruckte, war die von den Dorfbewohnern geleistete Arbeit zu Gunsten des Projekts: hundert Personentage gemeinnützige «Knochenarbeit» pro Haushalt. Dazu gehörte die Erstellung eines Turbinen- und eines Betriebsgebäudes, der Bau der Wasserfassung im eiskalten Bach, das Verbauen von knapp fünfhundert Metern Druckwasserleitung, das Verlegen etlicher Kilometer Kabel im Boden kreuz und quer durchs ganze Dorf, um keine Bäume für Strommasten fällen zu müssen. Und das alles mit einfachsten Mitteln, ohne Maschinen und noch bevor für die Bewohner ein sichtbarer Nutzen entstand. Ein unglaubliches Zeugnis für das Vertrauen dieser Menschen in das Team und die Arbeit von RIDS. Während dieser Zeit waren nebst dem RIDS-Team bis zu zehn externe Mitarbeiter aus den USA, Neuseeland und natürlich aus der Schweiz vor Ort. Trotz des engen Zeitrahmens und Situationen, die viel Improvisationstalent erforderten, blieb die Stimmung gut und jeder unterstützte jeden. Ein besonderes Highlight war die Zusammenarbeit mit den lokalen RIDS-Mitarbeitenden, die in dieser Zeit zu guten Freunden wurden, sowie das spürbare Willkommen-Sein bei den liebenswürdigen Menschen im Dorf – auch über sprachliche Barrieren hinweg. Unvergesslich bleibt auch der Abend des 24. Novembers, als nach einigen misslungenen Versuchen endlich der Strom in die Haushalte freigeschaltet werden konnte. Welch eine Freude im Dorf! Insgesamt dreihundert Watt (!) sind es, die im Dorf mit vierzig Haushalten momentan verbraucht werden, unvorstellbar für unsere Verhältnisse.

So kam das Dorf Mohari zu einem Kraftwerk mit erneuerbarer Energie, im Boden verlegten Stromkabeln (was in Nepal wohl einzigartig ist), intelligenten Stromzählern, intelligenter Energienutzung und vor allem: Licht in den Häusern! Ein Smart Grid in einem Dorf, in dem es zum Teil noch aussieht wie anderswo vor fünfhundert Jahren. Eine echte Zeitreise!

Wir konnten ein wenig dazu beitragen, dass kurz bevor bei uns die Adventszeit begann, in Mohari erstmals elektrisches Licht leuchtet. Und unser Wunsch für Weihnachten und das neue Jahr ist es, dass nicht nur in den Häusern Licht leuchtet, sondern auch das Licht von Weihnachten in den Herzen der Menschen zu leuchten beginnt. So könnte der Titel dieses Berichts auch lauten: «Es werde Licht in Mohari!» In diesem Sinne ein herzliches «Dhanyabad
(Dankeschön)!» an Alex und sein Team in Jumla!

Ernesto und ich sind enorm dankbar für all diese Erfahrungen. Es hat sich gezeigt, dass Kurzzeiteinsätze auch für über 50-jährige ohne weiteres realisierbar sind und für beide Seiten ein grosser Gewinn sein können. Wenn Du, liebe Leserin, lieber Leser, so wie ich damals mit dem Gedanken an einen Kurzeinsatz spielst, dann zögere nicht und setze Dich mit einem Interserve-Partner und/oder der Geschäftsstelle in Verbindung und wage einen Schritt, es lohnt sich und macht Appetit auf mehr. Wir sind jedenfalls schon dabei, uns Gedanken über einen weiteren Einsatz zu machen.