Wo ist Gott in all dem?

Es gibt ständig Ereignisse, die uns an das Leiden der Welt erinnern: Das behinderte Mädchen, das am Bahnhof sitzt und Taschentücher verkauft. Behinderte Kinder, die gezwungen sind, die Schule zu verlassen um zu Hause zu arbeiten. Frauen, die zur Heirat gezwungen werden, um «rein zu bleiben» oder um zu vermeiden, dass sie ihre Religion wechseln.

Projekte werden mit der Begründung geschlossen, dass Frauen dadurch zum selbständigen Entscheiden und aus dem Lernen im familiären Umfeld herausgerissen werden.

Im Nahen Osten, wo wir leben und arbeiten, sind dies alltägliche Leiden. Ein grosser Teil der Menschen lebt von der Hand in den Mund.

Es ist unwahrscheinlich, dass wegen eines Unfalls oder einer Krankheit ein Krankenwagen gerufen wird, ganz abgesehen von unzureichender Pflege. Es ist fast unmöglich, eine Versicherung zu haben.

Freiheit, Demokratie, freie Meinungsäusserung oder Religionswechsel sind unrealistische Träume.

Als Menschen die Christus nachfolgen fragen wir uns oft, wie wir auf das Leid um uns herum reagieren sollen.

Wie fest nehmen wir am Leiden teil, wo müssen wir uns vor dem Leid schützen und uns abgrenzen? Wie können wir Leidenden helfen?

Einem Messias zu folgen, dessen Leiden den Weg zu neuem Leben bahnte – dies stellt Leiden in den Mittelpunkt unseres Glaubens. Die Bibel verspricht den Gläubigen nicht, vor Leiden verschont zu werden. Im Gegenteil, wir müssen damit rechnen und sollen darauf vorbereitet sein.

Wir sind aber auch aufgerufen anderen Leidenden zu helfen und Anteil daran zu nehmen. Im Hebräerbrief steht geschrieben: «Erinnere dich an diejenigen, die leiden, als ob du an ihrer Stelle leiden würdest».

Wir lernen viel, indem wir mit Menschen leben, für die Leiden Teil des Lebens ist. Natürlich haben Christen im Nahen Osten ein sehr ausgeprägtes Verständnis von Leiden. Vor nicht allzu langer Zeit geriet ein junger Mitarbeiter in eine Strassensperre einer lokalen Extremistengruppe. Er wurde gezwungen, ein Unterstützungsversprechen zu unterschreiben, bevor er weiterfahren konnte.

Innerlich sind wir wütend über eine solche Ungerechtigkeit von systematischen Übergriffen auf Christen in gefährdeten Situationen – und fragen uns, wann das Leiden und die Verfolgung aufhören werden.

Das Schicksal einer junge Mutter, die in einem lokalen Projekt für Familien verschiedener Glaubensrichtungen arbeitete, bewegt uns sehr. Sie fiel von ihrem Balkon im vierten Stock, als sie versuchte Vorhänge aufzuhängen. Nach ein paar Monaten im Krankenhaus ist sie jetzt gelähmt. Sie hatte weder Physiotherapie noch angemessene Pflege. Ihr Ehemann ist arbeitslos und muss sich jetzt um seine Frau kümmern. Sie haben Kinder und keinen Verdienst, ihre Zukunft ist sehr unsicher. Sie sind nun völlig von Verwandten abhängig und können selber nichts zu ihrem Lebensunterhalt beitragen.

Wir merken, dass es oft keine Worte gibt, um diesem Leiden zu begegnen. Wir werden immer wieder herausgefordert zu beten: «Gott, hilf uns, treu zu sein und lass nicht zu, dass sich in unserem Herzen Wut  ausbreitet, sondern dass wir in Weisheit auf die Bedürfnisse reagieren können.  Herr, gib diesen Menschen Gerechtigkeit und Leute in der Politik, die sie verdienen… und hilf uns, dass wir die Mitmenschen mit Deinen mitfühlenden Augen sehen».

Ausserdem lernen wir, wie Menschen trotz Leiden glücklich sind. Diejenigen, die hier leiden, scheinen eine innere Stärke zu haben. Die Gläubigen setzen ihr Vertrauen in Gott. Durch diese Kraft und dieses Vertrauen in Gott ist es nicht notwendig, Leiden zu fürchten oder um jeden Preis zu meiden.

Schliesslich fragen wir doch Gott: «Was soll ich tun, um Deine Hände und Füsse zu sein?» Beten, wie erwähnt, ist das Erste und das Beste. Es sollte jedoch nicht zu einer «geistlichen» Ausrede werden, um tatenlos zuzusehen statt zu helfen. Wenn wir für die Notleidenden handeln, dann handeln wir für Jesus selbst. Jesus leidet mit ihnen und mit uns.

Die Autoren sind Interserve-Partner im Nahen Osten.